China Logistics geht in Wilhelmshaven an Land

Luftaufnahme vom JadeWeserPort: Hier entsteht auf 20 Hektar Fläche
der „China Logistics-Wilhelmshaven Hub“. Foto: JadeWeserPort

Ende 2021 soll ein Hub für China-Ware starten. Das könnte die Reederei Cosco bewegen,
den JadeWeserPort mit einem Nordchina-Dienst anzulaufen.

Andreas Bullwinkel spricht von einer „Wohltat nach den ganzen Jahren der intensiven Gespräche und Arbeit“. Der Geschäftsführer der Container Terminal Wilhelmshaven JadeWeserPort-Marketinggesellschaft ist erleichtert, dass China Logistics dort 100 Millionen Euro im Güterverkehrszentrum (GVZ) investieren will. Denn der einzige deutsche Container-Tiefwasserhafen tritt auf der Stelle. 2019 erreichte der Containerumschlag laut dpa mit 639.000 TEU rund 2,5 Prozent weniger als im Vorjahr. Nun soll auf 20 Hektar GVZ-Fläche der „China Logistics-Wilhelmshaven Hub“ für chinesische Güter aller Art entstehen. Rund fünfeinhalb Jahre hatte Bullwinkel verhandelt, begleitet durch das Land Niedersachsen, dem die Marketinggesellschaft gehört.

Details teilt das Niedersächsische Ministerium für Wirtschaft, Arbeit, Verkehr und Digitalisierung mit. Demnach will China Logistics nach Abschluss des ersten Bauabschnitts Ende nächsten Jahres den Betrieb aufnehmen. Der künftige Hub umfasst 40.000 Quadratmeter Hallenfläche, 110.000 Quadratmeter ungedeckte Lagerfläche sowie einen Gleisanschluss. Die Bauarbeiten sollen laut Bullwinkel spätestens im Winter 2020/21 beginnen, ein zweiter Bauabschnitt sehe eine weitere 20.000-Quadratmeter-Halle vor. Das Ganze könne sich über die nächsten drei bis fünf Jahre erstrecken, schätzt er.

Ein Hub mit vier Säulen
Warum zieht sich das Projekt mit China Logistics so lange hin? „Es zeigt sich, dass ganz unterschiedliche Verwaltungssysteme in China und Deutschland aufeinandertreffen“, sagt Bullwinkel. So erlebte er es immer wieder als Herausforderung, dem chinesischen Partner zu verdeutlichen, „was wir hier an Gesetzen, die uns die Europäische Union und die Bundesrepublik Deutschland auferlegen, beachten müssen“. Das sei teilweise „recht unterschiedlich zu dem, was man in China kennt“. Bullwinkel erlebte lange Diskussionen über die Rückbauverpflichtung am Ende des Erbbaurechtvertrags über 99 Jahre oder Umweltschutzauflagen.

Andreas Bullwinkel, Geschäftsführer der Container Terminal Wilhelmshaven JadeWeserPort-Marketinggesellschaft, hat rund fünfeinhalb Jahre mit dem chinesischen Investor verhandelt, begleitet durch das Land Niedersachsen, dem die Marketinggesellschaft gehört. Foto: JadeWeserPort

China Logistics wird sich am neuen norddeutschen Hub laut Bullwinkel auf „Zulieferungen aus China für die Automobilindustrie in Deutschland und Europa“ konzentrieren. Seine Vermutung: „Am Anfang wird das ganz stark in Richtung Elektromobilität zeigen mit Batterien oder Komponenten.“ Insgesamt werde der Hub auf vier Säulen stehen, erklärt er. Für Lebensmittel entstehe zusätzlich ein Kühlhaus. Ein drittes Segment seien Fliesen, Ziersteine für Teiche und andere Steinwaren für Baumärkte. Den vierten Bereich bilden Bullwinkel zufolge schnelldrehende Konsumgüter für den deutschen Handel. Er zeigt sich zuversichtlich, dass China Logistics bei den Importen über den JadeWeserPort „bis zum Jahr 2023“ rund 100.000 TEU Ladungsvolumen pro Jahr erreichen wird. „Nach Inbetriebnahme des ersten Bauabschnittes rechnen wir mit einer Hochlaufphase von circa zwei Jahren bei normaler Marktentwicklung“, erklärt er.

Bei Importen aus China werde es nicht bleiben, meint Bullwinkel: „Wir gehen davon aus, dass China Logistics daran interessiert ist, hier Kunden für Exporte von Deutschland nach China zu finden.“ Abschließend zu besprechen sei das dann mit dem Betreiber des Hubs. Und das werde nicht China Logistics selbst sein. Vielmehr wollten die Chinesen in Wilhelmshaven einen europäischen oder deutschen Logistiker einsetzen, „der sich mit den Gegebenheiten vor Ort auskennt“. Bullwinkel kann sich ein Joint Venture vorstellen, eine Entscheidung erwartet er im nächsten Jahr.

„Wir gehen davon aus, dass China Logistics daran interessiert ist, hier Kunden für Exporte von Deutschland nach China zu finden.“

Obwohl China Logistics auf dem Heimatmarkt 58 Logistikzentren betreibt, ist das Unternehmen in Europa nahezu unbekannt. Zu den Geschäftsfeldern zählen Gütertransporte auf dem Straßen-, Schienen- und Wasserweg sowie integrierte Logistik-Dienstleistungen inklusive internationaler Transporte, Lagerhaltung und Distribution. Die staatliche Muttergesellschaft China Chengtong Holding Group (CCT) verfolgt mit Auslandsinvestitionen eine „Going Global“-Strategie. So eröffnete CCT im September 2011 in Moskau das „Greenwood International Trade Center“, eine Handelsplattform für chinesische Rohstoffe in Russland, Osteuropa und anderen Gebieten Europas. Und mit dem belgischen Hafen Antwerpen wurde im Sommer 2015 vereinbart, an der Schelde einen Hub für Handel und Logistik zwischen der EU und Afrika aufzubauen. Nach dieser Absichtserklärung wurde das Projekt aber doch nicht realisiert, weil die Vorstellungen nicht zusammenpassten.

Argumente für weiteren Container-Liniendienst
CCT gehört auch ein Minderheitsanteil an der Shanghaier Reederei Cosco Shipping Lines. Und hier sieht Bullwinkel für den Betreiber des Containerterminals im JadeWeserPort, Eurogate, „ein echtes Pfund in der Hand“. China Logistics werde Gespräche mit Cosco und der zur Reedereigruppe gehörenden Orient Overseas Container Line (OOCL) in Hongkong erleichtern und die Attraktivität des Hafens deutlich erhöhen, glaubt er. Mit der Ansiedlung von China Logistics am JadeWeserPort „haben wir ein Argument mehr gegenüber Cosco“,
meint auch ein Eurogate-Sprecher.

Bislang gibt es in Wilhelmshaven zwei wöchentliche Container-Liniendienste mit China: einen der Ocean Alliance von Cosco, CMA CGM, Evergreen und OOCL sowie einen weiteren der 2M-Allianz von Maersk und MSC. Bullwinkel erhofft sich jetzt, mithilfe von China Logistics einen dritten Liniendienst nach Wilhelmshaven zu holen. Ganz oben auf seiner Wunschliste steht ein Nordchina-Service von Cosco, zum Beispiel bis nach Dalian oder Qingdao. Er denkt an das VW-Logistikzentrum im GVZ, in dem rund 7.000 unterschiedliche Teile der Marken Audi, Volkswagen und Volkswagen Nutzfahrzeuge aus Werken in ganz Europa gelagert, kommissioniert, verpackt und versandfertig gemacht werden. Ladung für Nordchina muss bislang per Bahn oder Lkw zur Verschiffung nach Hamburg, Bremerhaven, Rotterdam, Antwerpen oder Zeebrügge umgefahren werden.

Hoffnung auf direkte Bahnverbindung nach China
Wenn der „China Logistics-Wilhelmshaven Hub“ erstmal in Betrieb ist, hofft Bullwinkel auf direkte Bahnverbindungen mit China. Auch vom größten Kunden im GVZ, dem international tätigen Tiefkühllogistiker Nordfrost, erwartet er mehr Bahntransporte. Seit Juli 2019 erweitert das Familienunternehmen aus Schortens sein Seehafen-Terminal um 35.000 Quadratmeter. Mitte dieses Jahres soll eine 8.000 Quadratmeter große Schwerlasthalle für Projektverladungen mit Bahnanschluss an den Start gehen. Nordfrost investiert derzeit
mit rund 110 Millionen Euro sogar noch etwas mehr als China Logistics plant. Genauso viel ausgegeben hat der Investor der ersten Stunde im JadeWeserPort auch schon für 70.000 Quadratmeter gedeckte Lagerhallen und 90.000 Quadratmeter befestigte Außenflächen. Der Betrieb läuft; zu den Kunden zählen Lebensmittelhersteller und -einzelhandel sowie Im- und Exporteure.

„Wir freuen uns, dass sich mit China Logistics nun ein weiterer Investor für Wilhelmshaven entschieden hat mit dem Potenzial, weitere Ladungsvolumina auf den Hafen zu ziehen“, sagt Nordfrost-Geschäftsführerin Britta Bartels. Für die Hafenlogistik des eigenen Unternehmens seien die chinesischen Häfen „wichtige Destinationen, mit denen der Containerhafen Wilhelmshaven über bestehende Liniendienste sehr gut verbunden ist“.

Unmittelbar nach Vertragsunterzeichnung mit China Logistics erhielt Bullwinkel über einen Berater eine Anfrage von einem weiteren chinesischen Staatsunternehmen. Bislang hat sich noch kein chinesisches Unternehmen im JadeWeserPort angesiedelt. Dafür braucht der Manager einen langen Atem.
                                                                                                             Kerstin Kloss

 

Dieser Beitrag ist in ChinaContact 2-2020 erschienen.