Weniger Spielraum

Aufgrund der Corona-Pandemie und ihrer Auswirkungen auf die Weltwirtschaft ist es unwahrscheinlich, dass China sein Wachstumsziel von 5,6 Prozent für 2020 erreichen kann, so die Prognose von Coface. Der Kreditversicherer geht davon aus, dass die chinesische Wirtschaft in diesem Jahr eine Wachstumsrate von vier Prozent erreicht.

Im ersten Quartal 2020 ist Chinas Bruttoinlandsprodukt um 6,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zurückgegangen. Wegen der Auswirkungen der Corona-Pandemie senken internationale Finanzinstitutionen derzeit ihre Wachstumsprognosen nicht nur für China. Foto: imago images / ZUMA Press

PARIS/MAINZ. Die wirtschaftliche Aktivität in China könnte sich in diesem Jahr schneller als erwartet verlangsamen und so das von der Regierung angestrebte Wachstumsziel von 5,6 Prozent verfehlen. In den vergangenen Monaten musste sich die chinesische Wirtschaft nicht nur den Folgen des Handelskrieges mit den USA stellen, sondern zunehmend auch den mit der Überalterung der Gesellschaft einhergehenden strukturellen Faktoren, so der Kreditversicherer Coface in seiner Mitte April veröffentlichten Einschätzung. Die Zahl der Erwerbstätigen ist in China in den vergangenen Jahren weiter zurückgegangen, mittlerweile sind 15 Prozent der Bevölkerung über 65 Jahre alt. In diesem Zusammenhang ist die COVID-19-Pandemie ein zusätzlicher Schock, der die bestehenden Herausforderungen noch erheblich verschärfen wird.

Das Wachstumsziel von 5,6 Prozent ist eine wichtige Größe auf dem Weg in eine „mäßig wohlhabende Gesellschaft“. Dieses Versprechen an die Bevölkerung soll mittels einer Verdoppelung des Pro-Kopf-BIP bis Ende 2020 auf der Basis von 2010 erreicht werden. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt scheint Chinas Regierung noch zuversichtlich zu sein, die angestrebten Ziele für 2020 erfüllen zu können. Es ist jedoch wahrscheinlicher, dass das Erreichen dieses Meilensteins auf das kommende Jahr verschoben werden muss. Die weltweite Verbreitung von COVID-19, insbesondere in den für China wichtigen Märkten wie Europa und Nordamerika, in die zusammen 30 Prozent der Exporte gehen, wird die chinesische Wirtschaftstätigkeit im zweiten und dritten Quartal 2020 beeinträchtigen. Infolgedessen erwartet Coface, dass Chinas Wachstum in diesem Jahr nur vier Prozent erreichen wird.

Zwar wurden bereits Maßnahmen ergriffen, um die Auswirkungen der Pandemie auf die Wirtschaft auszugleichen. Beispielsweise hat sich die Zentralbank People’s Bank of China bisher auf eher vorsichtige und gezielte Maßnahmen wie Zinssenkungen konzentriert. Allerdings wird China ungeachtet der zusätzlichen Flexibilität, die durch diese Entscheidungen ermöglicht wird, zu aggressiveren geldpolitischen und fiskalischen Lockerungen greifen müssen, wenn es seine Wirtschaft weiter stabilisieren und in den Griff bekommen will, so die Coface-Einschätzung.

Im Gegensatz zur weltweiten Finanzkrise im Jahr 2009 gibt es dabei allerdings weniger Handlungsspielraum. Insbesondere reichten die Devisenreserven nicht aus, um die Kapitalabflüsse zu decken. Dadurch gerate der Yuan unter Abwärtsdruck. Auf der fiskalischen Seite werden zusätzliche Infrastrukturinvestitionen, die den Schock ausgleichen sollen, die Verschuldung auf lokaler Ebene jedoch erhöhen. Das dürfte den bereits angeschlagenen Bankensektor und die ohnehin hoch verschuldeten Unternehmen weiter unter Druck setzen. In diesem Zusammenhang ist mit einer Zunahme von Anleiheausfällen und Unternehmensinsolvenzen zu rechnen, die mit Umstrukturierungsbemühungen im Bankensektor einhergehen werden.

Carlos Casanova, Coface-Analyst für Asien-Pazifik, hat die aktuelle Situation der Wirtschaft in China untersucht. Mehr dazu auf der Homepage von Coface.